Dirk Alvermann

Keine Experimente - MY LAST SIGNED COPY!


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Review:
"There are certain photobooks that are truly a kind of ‘love at first sight’. Dirk Alvermann’s 'Keine Experimente – Bilder zum Grundgesetz (No experiments – picturing Basic Law)' is one of them.

It is the perfect synthesis of meaning and style, with its pure visual quality and humanistic message. This is Alvermann’s 2nd book, published after 'Algerien – L’algérie' (1960).

'Keine Experimente' opens with a full-page excerpt from the Yalta conference agreement of 1945 (which was further refined by the Potsdam agreement of August 1945). This is followed by a barrage of Alvermann’s full-bleed black and white images, taken between 1956 and 1961. He illustrates the first nine German Basic Laws, and ends this picture essay with the words: 'Es folgen die Artikel 10 bis 145 (to be followed by Articles 10 to 145)'. Sometimes the images are repeated in strong crops on black-bordered pages with one of the first nine German Basic Laws quoted next to it.

This strong graphic approach sets the book apart from most other books designed around this time.

Looking through this intense book makes one realize that so many political situations and issues are still current today. It was published during an age of idealism, where a young, post-war generation began asking questions, and students the world over raised their voices with the united cry of anger and optimism.
Alvermann’s book is one of these voices (he was 24 at this time). It seems almost absurd now, in the age of social media, where the loss of privacy and human rights is welcomed rather than questioned. This small-format hard cover book was designed by the photographer himself. The ‘cute’ humorous drawing on the back cover jars slightly, but may have been intended by Alvermann to create a kind of wolf in sheep’s clothing effect, and allow this hard-hitting book to pass censor." (Andreas BITESNICH, in: achtung.photography, source: http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.achtung.photography%2Fwp-content%2Fuploads%2F2015%2F05%2FDirk_Alvermann_Keine_Experimente_cover.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.achtung.photography%2Fdirk-alvermann-keine-experimente-no-experiments-1961%2F&h=568&w=815&tbnid=87NY66upMKwxXM%3A&vet=1&docid=OhttRlhc7dvj2M&ei=Po5uWKCwF4zbU9HFpKgG&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=4&page=0&start=0&ndsp=20&ved=0ahUKEwigx92Pz6vRAhWM7RQKHdEiCWUQMwgdKAMwAw&bih=739&biw=1092)

Rezension:
"'Keine Experimente' - so lautete der Wahlkampfslogan der CDU in der Bundestagswahl 1957, die der Partei ihr Spitzenergebnis von 50,2 % bescherte - Adenauer wurde im Amt bestätigt. Alvermann wählte den Slogan für sein 1961 im (Ost-Berliner Eulenspiegel-Verlag (statt, wie ursprünglich geplant, bei Bärmeier & Nikel in Frankfurt) erschienenes zweites Buch.
Trotz der hohen Auflage von 10000 Stück ist es heute selten (was auch für fast alle anderen Fotobücher Alvermanns gilt).

'Keine Experimente' ist kaum größer als ein Taschenbuch, erhielt aber einen festen Einband. Das verwendete Papier war nicht von höchster Güte und zeigt Vergilbungserscheinungen. Die Druckqualität unter Berücksichtigung des verwendeten Papiers ziemlich gut, wenn sich auch der Autor heute damit nicht mehr zufrieden zeigt.

Worum geht es? Alvermanns Zusammenstellung von überwiegend in Berlin und im Rheinland - es gibt viele Karnevalsmotive und/oder viele Kinderbilder! - entstandenen Fotos aus den Jahren 1956-61 folgt den Paragraphen 1 bis 9 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949. Alvermann stimmt die Leser mit einer sehr deutlich gegen Militarismus und Nationalsozialismus gerichteten Passage aus dem Abkommen der Drei-Mächte-Konferenz in Jalta (2. August 1945) auf sein Thema ein. Dann geht es weiter mit der Präambel des Grundgesetzes, der Bilder und weitere Abschnitte aus dem Gesetzestext folgen. Diese Texte sind immer negativ gesetzt, also weiß in schwarz. Auf der letzten, einer völlig schwarzen Seite gegenüberliegenden weißen Seite wird das Buch nach dem Hinweis, das die Artikel 10 bis 145 folgen, mit dem Artikel 146 beschlossen: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ Punkt, aus, Ende.

Die Bilder füllen entweder Einzel- oder Doppelseiten ohne Ränder und ohne Bildunterschriften aus. Wenn ein neuer Abschnitt aus dem Gesetz zitiert wird, gibt es auch Gegenüberstellungen aus den weiß-in-schwarzen Textseiten und einem Bild oder gar kleine Bildfenster innerhalb der Textseiten. So am Ende der Präambel, wo man eine SS-Rune zu sehen bekommt, die dann auf der übernächsten Seite, bei Artikel 1, in etwas weiterem Ausschnitt zum Wort SCHIESSEN gehörend gezeigt wird. Alvermann wiederholt das Motiv nochmals bei Artikel 1, Absatz 3; dieses Mal als ganzseitiges Bild: Es handelt sich um das Schild einer Schießbude, vor der sich eine Familie mit Kleinkind aufgebaut hat. Das SS ist auf allen drei Seiten im Buch in gleicher Größe und auf gleicher Position zu sehen, eine Art Zoomen vom Detail auf das Ganze - ganz so, wie sich bei genauerer Betrachtung die Spuren der braunen Vergangenheit in der Gesellschaft noch deutlich manifestierten wie in der Typographie des Schießbudenschildes. Eingeschoben hatte Alvermann ein Doppelportrait eines lächelnden Schupos und einer (für den Karneval maskierten) Hexe Arm in Arm; Bilder und Bildmontage als kritischer Kommentar zu den sorglosen Läufen des Wirtschaftswunders.

Wenige Seiten später sieht man einen kleinen Jungen, der vor einem Antiquitätengeschäft steht, in dessen Schaufenster Löffel, Heiligenfiguren und anderer Nippes feilgeboten werden. Der Junge hat die Augen leicht zugekniffen, weil ihn die Sonne blendet. Daher ist nicht genau zu erkennen, ob er lächelt oder weint, jedenfalls hat er sich eine Spielzeugpistole an die Schläfe gesetzt, als ob er sich damit gleich selbst erschießen wollte. Unwillkürlich denkt man an Diane ARBUS berühmtes, 1962 entstandenes Bild eines Jungen mit der Spielzeughandgranate in der Hand, nur dass Alvermann die ohnehin schon bedenkliche Situation durch die Heiligen im Hintergrund weiter ins Groteske übersteigert hat. Das Bild steht zwischen den Texten des Artikel 2, Abs. 1 und 2, die die Rechte auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und die körperliche Unversehrtheit garantieren. Und in diesem Stil geht es weiter.
In Artikel 3 geht es um die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz; kommentiert wird das durch eine Doppelseite eines als Neandertaler verkleideten Mannes mit bloßem Oberkörper und wildem Haar- und Bartwuchs, der halb misstrauisch, halb belustigt von einem Schupo beäugt wird. Der Neandertaler wirkt wie eine Präfiguration eines Hippies, wie sie wenige Jahre später die kritische Aufmerksamkeit der Spießbürger finden sollten.
Artikel 5 spricht von der Freiheit, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild zu äußern. Alvermann zeigt eine ältere Frau, die mit verschatteten Augen vor einer Hauswand steht und mehrere Boulevard-Zeitungen in der Hand hält. „Unerfahrenheit mit dem Leben bezahlt“ liest man auf einer Überschrift zu einem Artikel, in dem es um Mord und Totschlag geht. Unglaublich, was im Rahmen der Pressefreiheit alles passieren kann… Ganz nebenbei gelang Alvermann mit dem Bild eine dezente Hommage an Paul Strands Reflexion über das Sehen, die Inkunabel „Blind“ aus dem Jahre 1917.
Der offene Mund eines feisten Wohlstandsbürgers kommentiert in engem Ausschnitt den Artikel 8 (Versammlungsfreiheit) und, einige Seiten später und in viel weiterem Ausschnitt, der den Blick auf den Oberkörper des vor einem CDU-Plakat stehenden Mannes freigibt, auch den Artikel 9, Abs. 3. Das letzte Foto im Buch zeigt das gleiche Wahlplakat in einem anderen Ausschnitt, rechts daneben schaut ein Polizist zum Fotografen: „Was du hast, weißt du darum“ …CDU wäre zu ergänzen, Besitzstandswahrung unter den Augen der Polizei sozusagen, ein programmatisches Bild für die politische Haltung des bei Erscheinen des Buches gerade 24j-ährigen Alvermann, der kurz zuvor noch als engagierter Berichterstatter in Algerien war.
Die Bilder sind für sich immer schon sehenswert; durch ihre Abfolge und die Kombination mit den Grundgesetztextes entsteht ein Spannungsbogen, der bis zum Ende durchgehalten wird. Kontrastierende Gegenüberstellungen, Rückblenden, Wiederholungen, raffinierte Ausschnitte, also die gesamte Montage des Buches zeigt, dass Alvermann - wie schon bei seinem Erstling über Algerien - an eine Art Film zwischen Buchdeckeln im Kopf hatte, als sich an die Arbeit an den Bildern zum Grundgesetz machte.

Das im Jahr des Mauerbaus erschienene Buch aus dem Eulenspiegel-Verlag war als Satire gedacht, worauf auch die Karikatur auf der Rückseite des Einbands hindeutet. Nicht jede satirische Wendung offenbart sich heute noch auf den ersten Blick, weil nicht mehr alle politischen Tagesereignisse so präsent sind, wie sie Alvermann empfunden haben mag. Dass das Buch aber eine halb kritische, halb spöttische Haltung zur Wirtschaftswunder-Zeit und den Verlockungen des Konsums transportiert, erschließt sich auch ohne Detailkenntnis der Zeit. " (Thomas WIEGAND, jn: "Dirk Alvermann, Keine Experimente - Fotobücher "neu gelesen", Folge 2 (Artikel Nr.40 auf fotokritik.de, Quelle: http://www.fotokritik.de/artikel_40_mobil.html)